Der Naturjodel in der Innerschweiz In vielen Lebensbereichen besinnt man sich wieder zurück auf Grundwerte wie Echtheit, Einfachheit. Auch der Naturjodel, der ursprüngliche, einfache Gesang des Hirtenvolkes in den Bergtälern, erfährt in jüngster Zeit eine Renaissance. Die Regionen der Zentralschweiz sind Unterwalden, Schwyz, Muotathal und Entlebuch. Die ursprünglichste Form des Naturjodels finden wir im Muotathal. In diesem abgeschlossenen Tal konnten sich die Urmelodien bis heute halten. Wilde Melodik, viele akkordfremde Töne, eigenwillige Ton- sprünge und Wendungen sind untrügliche Merkmale des Muotathaler Naturjuuzes. Im Gegensatz zum Muotathal sind Obwalden und zum Teil Nidwalden Durchgangstäler, Fremdeinflüsse konnten hier viel früher Einzug halten. Überlieferte Naturjodel weisen einfache, eingängige Motive auf, ausschliesslich mit Dur-Charakter. Aus Aufzeichnungen wissen wir, dass die Jodel ursprünglich nur ein- oder zweiteilig waren. Vielfach waren es Singjodel mit streng symmetrischem Aufbau. Das Entlebuch als weiteres Naturjodelgebiet der Zentralschweiz lehnt in der Melodik und Rhythmik stark an die übrige Innerschweiz an, doch der Einfluss des bernischen Emmentals ist unverkennbar. Die tanzartigen Gsätzli und lüpfigen Walzerteile erscheinen früher als in Schwyz und Unterwalden. Schwyz wiederum ist vom Muotathal mitgeprägt, gleichzeitig auch stark beeinflusst von Unterwalden. So zeigen die Naturjodel von Schwyz charakteristische Züge aus beiden Regionen. Mit den Jahren hat sich eine eigene Synthese herausgeformt von besonderer Kraft und Ausstrahlung.
Doch neben der Gemütsverfassung des Interpreten war die Jodelmelodie auch geprägt von der Landschaft und der Sprache. Deswegen war es früher einfacher eine Jodelmelodie einem bestimmten Gebiet zuzuordnen. Mit der Verbreitung des Jodlergutes durch die Medien und die Tonkonserven ist die Zuordnung schwieriger geworden. Der Dialekt ist heute eines der wichtigsten Erkennungsmerkmale im Naturjuiz, denn er ist nicht nur von Tal zu Tal, sondern meist von Dorf zu Dorf verschieden. Die Naturjodel- Komponisten, vorwiegend Bewohner unserer Gebirgstäler, waren mehrheitlich begnadete Jodler, die ohne grosses musikalisches Rüstzeug ein echtes und unverfälschtes Gespür hatten für Naturmelodien. Das neuere Jodelgut sprengt den althergebrachten Rahmen. Die Jodel sind mindestens dreiteilig, das Achttakt-Schema wird durchbrochen, vermehrt werden Triolen eingesetzt. Die Melodik ist reichhaltiger, abwechslungsreicher die Rhythmik und oft zügiger das Grundtempo. Auch der Chorbegleit hat eine Entwicklung durchgemacht. Lange bevor Jodlerklubs gegründet wurden, kannte man das mehrstimmige, chorische Untermalen. Früher gesellten sich zu einem Jodler spontan sangesfreudige Kameraden, um im Stegreifsingen mitzutun. Oktavparallelen gehörten ebenso dazu wie Terz-Verdoppelungen. Heute werden die Naturjodelvorträge unter kundiger Leitung eingeübt, dies aber meist aus dem Gehör, ohne Noten. Edi Gasser, Giswil, Herbst 1997
der Unterwaldner Naturjuiz